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17.02.2003 BASTARD   MAILING   LIST   © Florian Schiel
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Catastrophy from Heck
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Es ist der erste Tag nach den Weihnachtsferien, und der Wecker zieht mir ein heulendes Kreissägeblatt quer durch das Großhirn, bevor ich ihn abwürgen kann. Als ich mich endlich mit letzter Kraft um halb zwölf ins Büro geschleppt habe, bin ich viel zu erschöpft, um noch irgendetwas Sinnvolles anzufangen. Man sollte mal ernsthaft darüber nachdenken, ob die deutschen Beamten wirklich so viel Urlaub brauchen. Ich bin danach immer wie erschlagen, weil ich alle größeren Freizeitaktivitäten in die Ferien verlege, was natürlich millionenmal anstrengender ist als der normale Büroalltag. 
Ich kille lustlos ein paar von Mariannes Simulationsprozessen, lösche die gesamte über die Ferien aufgestaute Usermail und klemme den Router zum Hochschulnetz ab. Nur damit allen Mitarbeitern klar ist, daß ich wieder aus den Ferien zurück und in schlechtester Stimmung bin. Nach dem Mittagessen geht es mir auch nicht besser und ich beschließe, daß ich es für den ersten Tag genug sein lasse, und mache einen kleinen Spaziergang zu meiner Stammbank gegenüber vom Eiskaffee in der Türkenstraße. 
Trotz eisiger Temperaturen ist meine Stammbank bereits belegt. Ein riesenhafte Gestalt gehüllt in eine Mischung aus russischer Winterkampfanzug und Biwakzelt, den runden Kopf halb in eine römische Senatorentoga gewickelt und zur Krönung darauf die größte Pudelmütze, die ich jemals gesehen habe. Zwischen Mütze und Toga beobachten mich mißtrauisch ein paar aufmerksame und auffallend helle Augen. Ich grüße höflich und lasse mich auf dem freien Ende der Bank nieder; der Riese nickt nur zum Gruß und rückt die obligatorischen höflichen drei Zentimeter nach außen, obwohl die Bank auch so reichlich Platz für zwei bietet. 
Die nächsten fünf Minuten passiert nichts. Der Kellner vom Cafe gegenüber staubt vor Langeweile die Lampen ab; eine bis aufs Blut genervte Mutter mit Kleinkind im Schlepptau und Kinderwagen zerrt mit letzter Kraft ihre Brut durch den Schnee; zwei Kleinwagen kollidieren sanft auf der spiegelglatten Fahrbahn.
Plötzlich sagt der Riese unvermittelt und mit einer überraschend hohen Piepsstimme: 
"Haben Sie Kinder?" 
"Äh ... nein?" antworte ich. 
"Eben!" 
Fünf Minuten Pause. Dann wieder der Riese: 
"Sie haben keine Kinder und sind sicher noch keine fünfzig Jahre alt." 
Seine Stimme klingt irgendwie befriedigt über diese Feststellung. Ich sage nichts, weil ich weiß, daß man in Schwabing mit allem Möglichen rechnen muß, und das beste Rezept in so einem Falle ist immer noch: Maul halten und ruhig sitzen bleiben. 
Zwei weitere Kleinwagen kollidieren genau an der gleichen Stelle wie vorher. Ein Rentner schlurft vorbei, vertieft in eine aufgeschlagene Bild-Zeitung. Die Schlagzeile lautet: 'Gesundheitsreform'. 
Der Riese schnaubt und die Pudelmütze wackelt bedrohlich. 
"Gesundheitsreform!" quiekt er verächtlich mit piepsiger Stimme. "Wenn man auf mich gehört hätte, bräuchten wir keine Gesundheitsreform! Na! Ha! Wissen Sie", damit dreht sich der Kampfanzug-Biwak-Sack etwas in meine Richtung, "wissen Sie, warum unser Gesundheitssystem nicht mehr funktioniert?" 
"Äh ..." 
"Weil wir immer älter werden! Und je älter wir werden, desto kränker! Und je kränker desto teurer!" 
Der Riese starrt mich auffordernd an, bis ich mir ein neutrales "So." abringe. 
"Und jetzt verlangen unsere POLITIKER, der Riese äußert das Wort 'Politiker' mit solcher Verachtung, daß er beim Aussprechen gleich dreimal spuckt: einmal im 'P', im 't' und im 'k', "unsere POLITIKER, die wollen uns einreden, das Problem wäre dadurch zu lösen, daß wieder mehr Kinder in die Welt gesetzt werden. Und was passiert dann mit den armen Kindern?!" 
Wieder ein penetrantes Starren. 
"Sie zahlen die fehlenden Beiträge in die Krankenkassen?" murmele ich vorsichtig. 
"Sie zahlen die fehlenden Beiträge, genau!" bestätigt der Riese grimmig, "und dann?" 
"Dann ...?" sage ich hilflos. 
"Dann werden sie alt!" brüllt der Riese so unvermittelt, daß ein Schoßhund, Typ 'Indische Strandratte', der gerade an unserer Bank ein Bein heben wollte, vor Schreck mit allen vier Beinen in die Luft geht. "Dann werden sie auch alt! Oder sogar noch älter! Und was passiert, wenn sie alt werden?" 
"Äh ..." 
"Sie werden krank! Oder noch kränker! Und bestimmt noch teurer! Und wer soll das dann bezahlen? Noch mehr Kinder, wie? Was?! Na!" 
Der Bommel auf seiner Pudelmütze zittert heftig. Die ältere Dame mit Schmetterlingsbrille zerrt heftig an der Leine ihrer Strandratte und schießt einen empörten Blick in unsere Richtung. Der Riese beachtet sie gar nicht. 
"Ha! Na! ... hrrrm ..." Der Riese rutscht auf der Bank hin und her und fährt in normalem Tonfall fort: 
"Gestatten ... äh ... Maierlinger, Professor für Humanbiologie ..." 
Ich stelle mich meinerseits vor, aber der Professor hört gar nicht zu. Daran erkenne ich, daß es sich tatsächlich um einen Professor handeln muß, wenn auch einen - wie er mir bereitwillig mitteilt - der schon lange nicht aktiv an der Universität tätig ist. 
"Keine Zeit für solchen Mumpitz!" piepst er energisch, und der Bommel der Pudelmütze schüttelt sich wegwerfend. "Muß mich schließlich um meine Forschungen kümmern, beziehungsweise um deren Umsetzung in der Gesellschaft!" 
Auf vorsichtiges Nachfragen hin läßt sich der Professor herab, mir seine Forschungsergebnisse zu erläutern. 
Es sei alles ganz einfach: Die ganzen derzeitigen Probleme unseres Sozialsystems seien lediglich auf eine leicht zu erklärende Instabilität im Evolutionsprozeß zurückzuführen. Infolge der verbesserten Lebensbedingungen - hauptsächlich der besseren Ernährung - steige die Lebenserwartung stark an. Ältere Menschen neigen eher dazu, krank zu werden und fallen daher gehäuft dem Sozialsystem zur Last. Warum kränkeln eher ältere? Nur weil sie eben alt sind? Ganz falsch! Es gibt durchaus auch ältere bis sehr alte Menschen, die sich bis zu ihrem Tode bester Gesundheit erfreuen. Nur: diese 'gesunden Alten' üben keinen evolutionären Druck auf den Genpool aus, weil sie im Alter keine Kinder mehr zeugen. Andersherum betrachtet sind jüngere Menschen deshalb eher gesund, weil sie sich wahrscheinlich noch fortpflanzen. Würden sie nämlich schon jung krank werden, würden sie ihre Gene nicht mehr weitergeben, was also zwangsläufig dazu führte, daß unser Genpool die Gesundheit im fortpflanzungsfähigen Alter erhält, dann aber nicht mehr. 
"Haben Sie das soweit verstanden?" fährt mich der Professor heftig an. 
Ich bestätige, daß ich verstanden habe, wende dann aber ein, daß ja eine höhere Lebenserwartung trotzdem nichts Schlechtes sei. Schließlich profitieren wir ja alle davon. 
"Und die zusammenbrechenden Sozialsysteme?" quiekt der Professor. "Systeme, die entweder auf unbegrenzten Bevölkerungszuwachs setzen oder auf eine stabile Lebenserwartung? Was machen die? Ha? Na! Eben! Zusammenbrechen tun sie!" 
Ich räume ein, daß das im Moment ein Problem sei, aber wie wolle er das lösen? Ein festgelegtes Lebensalter wie in A. Huxleys 'Schöne neue Welt'? Am 65sten Rübe ab? 
"Natürlich nicht!" schnauft der Professor und rafft empört seine römische Toga enger um seinen ansehnlichen Hals. "Die Lebenserwartung steigt unaufhaltsam, aber die Menschen sollten nicht nur älter, sondern auch gesünder werden!" 
"Aha? Und wie? Noch mehr Jogging?" 
Ganz einfach, erläutert mir der Professor: Man müsse nur dafür sorgen, daß nicht nur die Lebenserwartung ständig ansteige, sondern auch das Alter, in dem sich die Leute fortpflanzen. Weil, wer sich bis ins hohe Alter so gesund gehalten hat, daß er noch Kinder bekommt, wird vermutlich in seinen Genen diese Eigenschaft weitergeben. Zu deutsch: Gene, die Alte krank machen, werden nicht mehr überleben. 
Ich schaue mich unauffällig um, ob unter der Bank nicht zufällig einer von Bayerischen Verfassungsschutz sitzt und mitschneidet. 
"Das klingt aber verdächtig nach gezielter Auslese, Rassenlehre etc.", sage ich vorsichtig. 
"Quatsch!" schnauft der Professor verächtlich. "Wer spricht denn von Zwangsmaßnahmen? Die Tendenz ist ja schon da: das Durchschnittsalter der ersten Geburt ist heute viel höher als vor hundert Jahren. Nur leider geht das alles viel zu langsam! Unsere Lebenserwartung läuft uns davon!" 
Ich frage ihn, was er denn dann vorschlagen würde, um die Spätzeuger zu fördern, aber just in diesem Moment treten zwei weiß gekleidete Tennisschuhträger höflich, aber zielstrebig an unsere Bank. Anscheinend kamen sie aus der Eisdiele gegenüber. 
"Na, Herr Professor? Dann woll'n wir mal wieder?" sagt der Dickere gemütlich. 
Die beiden fassen den Riesen behutsam unter den Armen. Dieser beachtet sie gar nicht: 
"Steuerfreibeträge für jedes pre-natale Jahr!" ruft er mir zu. "Kindergeld erst ab 45 Jahren!" 
Die beiden Pfleger halten den Professor an beiden Armen fest und bugsieren ihn langsam in Richtung eines VM-Bus mit der Aufschrift 'Uni-Klinikum - Geschlossene Abteilung'. Der Professor geht rückwärts, ohne den Blick von mir zu wenden. 
"Samenbanken für Spender ab 80! Einen Prämien-Porsche für gebärende Mütter über 55!!" 
Die genervte Mutter - jetzt anscheinend mit ihrer Brut auf dem Rückweg - bleibt verwundert stehen und beobachtet mit mir zusammen, wie sie den Professor in den VM-Bus stopfen. Sein Blick irrt von mir ab und fällt auf die junge Mutter, die höchstens 25 Jahre alt ist. 
"Sie!" brüllt er mit überschnappender Stimme. "Sie! Hätten Sie nicht wenigstens warten können bis Sie 40 sind?! Ha? Na! Wenigstens 38 ..." 
Die Tür fällt zu, und wir können nicht mehr verstehen, was der Professor sonst noch an guten Ratschlägen für die Mutter neben mir auf Lager hat. 
"40! Als ob ich es dann nicht sowieso besser wüßte ..." murmelt die junge Mutter verächtlich und zerrt ihre Brut weiter die Straße hinauf. 
Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, denke: "Großer Core-Dump!" und gehe nach Hause.
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